Kapitel 2 -Immer diese Hektik-




Was für

eine blöde Idee. Lem verzog das Gesicht. Sie hatte sowieso keine Zeit.

Es war schon nach neun. Und erstens musste der Hund noch raus und zweites hatte sie wie immer nichts Passendes anzuziehen. Was vielleicht an der riesigen Auswahl lag? Nein, es lag am Wetter. Hier in Rotterdam war es noch ganz schön frisch am Morgen und deshalb war die Frage angebracht: Hose oder Kleid? Wieso hatte sie sich eigentlich überreden lassen nach Arnheim zu fahren? Und außerdem, wie zeigt man sich in einer Designerschule, die als sehr extravagant galt. Reicht da wirklich ein Secondhandkleid aus oder muss es was Provokantes sein? Bella hatte Lem von einer Bloggerin in einem Müllbeutel auf der Fashion Week in Berlin erzählt. Aber so auffallen wollte Lem ja nicht, also lieber doch etwas Schlichtes. Mit Vintage lag man nie falsch. Unzählige Handtaschen türmten sich vor ihr auf dem Bett. Ihre Chaneltasche wollte sie auf keinen Fall mitnehmen, hinterher halten die mich noch für einen Snob, dachte sie. Erschöpft sank sie auf ihre Taschen. Und nach was soll ich überhaupt schauen? Bella stellt sich alles immer so schön einfach vor. Klar, das Ziel war einen spektakulären Artikel für


Bellalemoncella


zu schreiben.

Also das mach ich nicht auch noch, dachte Lem. Ich mach höchstens ein paar Fotos und Bella kann den Artikel schreiben.




Ein paar Stunden später parkte Lem vor dem ArtEZ ein und blickte aus dem Fenster auf das gläserne Gebäude. Immerhin mal was Moderneres. Lem hatte Architektur studiert und freute sich über alles Unkonventionelle. Wird ja vielleicht doch noch ein netter Ausflug, aber zu lange konnte sie nicht bleiben, da sie heute Abend noch den Unterricht für morgen vorbereiten musste.



Also dann los. Lem machte sich entschlossen auf den Weg. Ein paar Fotos waren dann auch schnell im Kasten und sie dachte daran das Cafe anzusteuern.



Een lekker coffee met slagroom

das war jetzt ihr Ziel. Also bisher war, wenn man es denn Recherche für einen Artikel nennen konnte, noch nicht so viel dabei herausgekommen. Ob es nicht eine Art Erinnerungsstellwand für den toten Willem-Jan van de Nelle gab, mit letzten Abschiedsgrüßen und Bilder von seinen Arbeiten. Schließlich war er inzwischen ja ziemlich bekannt geworden. Vielleicht gab es auch die eine oder andere Rose von Verehrerinnen. Das würde sich sicherlich gut auf einem Foto machen. Einen sentimentalen Nachruf schreiben?


Lem lächelte. Jetzt fang ich schon an wie eine echte Boulevardjournalistin im Dreck zu wühlen. Hätte ich gar nicht von mir gedacht. Aber Stimmungen einfangen ist wichtig. Für einen schönen Artikel braucht man einige persönliche Erinnerungen. Ein junger hoffnungsvoller Star am Modehimmel, millionenfach geliked auf Instagram, der früher oder später wahrscheinlich sowieso mit Drogen in Kontakt gekommen wäre und sich ins Unglück gestürzt hätte. Man kennt das ja mit dem Ruhm. Mal abwarten, ob nicht in der nächsten Saison ein paar von seinen Entwürfen bei irgendeinem anderen bekannten Designer auftauchen. Die Modeszene war voll von Kopisten. Am Ende wusste keiner mehr wer zuerst das Korsett in Szene gesetzt hatte: Vivienne Westwood oder Jean Paul Gautier. Aber egal, Lem interessierte sich sowieso nur für Chanel. Aber hier war sie jetzt in der Talentschmiede. Mal sehen was Trend Foreseeing so brachte. Anregungen kann man immer gut gebrauchen.


Am Nebentisch hatte sich ein  junges Pärchen niedergelassen und Lem begann dem Gespräch interessiert zuzuhören. Die beiden unterhielten sich über den baldigen Abgabetermin für ihren Stegreif: Fetisch Halsband. Na, da haben wir ja den Trend, dachte Lem und drehte sich zu den beiden um. Warum nicht mal das Gespräch suchen.


Kapitel 3 -Tulpen aus Arnheim-

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